gelbke1.jpg Beim Geld hört die Freundschaft auf
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke
erzählt ein wahres Märchen

Weihnachten – das Fest der Liebe und der Märchen und Geschichten. Ich schreibe jetzt eine Geschichte für „nach dem Weltuntergang am 21.12. 2012“. Damit die Guten sich danach vielleicht nicht mehr von den Bösen benutzen lassen, oder sagen wir: die Gutgläubigen von den Gerissenen oder die Dummen von den Schlauen? Damit am Ende wirklich ein neuer, besserer Anfang steht.

Es war einmal ein Mädchen, das ein Leben lang gerne sang und fröhlich war und von der großen Liebe träumte, die es aber nicht fand. Immer wieder traf es nur auf eitle und selbstverliebte Gockel, die nichts als das eigene Vergnügen im Kopf hatten und die, um das von ihr zu bekommen, immer wieder großartige Versprechungen machten. Bis das Mädchen einfach nicht mehr zuhörte und sie vor die Tür setzte. Als das Mädchen dann ein glückliches altes Mädchen war, klingelte eines Tages – nach 22 Jahren – einer dieser Gecken an ihrer Tür. Ein inzwischen alter, grauer Fuchs, der noch Pläne hätte, die er mit dem Mädchen verwirklichen wollte, Fernsehshows und Schallplattenaufnahmen zum Beispiel. Aber das Mädchen lachte ihn nur aus, wohl wissend, dass es einen anderen Grund geben musste für diesen überraschenden Besuch, nach so langer Zeit des Nicht-nach-ihrem-Leben-Fragens. Ja, es gab ihn, diesen anderen Grund, denn der Besucher hatte in dieser langen Zeit eine andere Geliebte gehabt, die im vergangenen Frühling sehr jung verstorben war. Sie hinterließ eine erwachsene Tochter, und unser Besucher hatte der „Liebe seines Lebens“ auf dem Sterbebett versprechen müssen, sich um sie zu kümmern. Nun also, gerade jetzt, brauchte diese Tochter Geld für eine Wohnungskaution. Eine vierstellige Summe. Der Besucher war ein sehr reicher Mann, aber seit fast 50 Jahren verheiratet mit einer Frau, die seine Millionen verwaltete und natürlich nicht wissen durfte, was ihr Mann heimlich mit anderen Frauen trieb.

Da saß der Besucher nun in der Hexenküche unseres alten Mädchens, und es war ihm nicht peinlich, sie zu fragen, ob sie ihm das Geld leihen könnte. Welch armes Schwein, dachte sie in dem Moment, kann nicht mal über sein eigenes Hab und Gut frei verfügen und sein Leben – eine einzige Lüge – wie traurig eigentlich.

Unserem Mädchen tat aber vor allem die Tochter der verstorbenen Geliebten ihres Ex-Geliebten leid. Es könnte ja auch ihre eigene Tochter sein. Sie nahm dem Besucher das Versprechen ab, dass er dann, wenn die Dachrinne ihres Hauses zu bezahlen sei, das Geld an sie zurückzahlen würde. Und da sie nicht nur alt, sondern auch arm war, borgte sie sich das Geld für ihn von einer teuren Kreditkarte mit 18,8 Prozent Zinsen.

Aber es kam, wie die Oma immer orakelt hatte: Tue keinem was Gutes, wenn du nicht willst, dass dir Böses widerfahren könnte. Das Geld, um die Dachrinne zu bezahlen, musste sie wieder mit hohen Kreditkartenzinsen borgen, die berühmte Schraube ohne Ende. Und der Besucher? Erst, als sie ihm drohte, seine Geschichte zu veröffentlichen, kam das Geld nach einem beleidigten Anruf. Wie könne sie nur drohen! Er dachte, sie seien Freunde. Er knallte den Hörer auf und das alte Mädchen steht mit schlechtem Gewissen im Advent. So viel zu Vertrauen, zu Freundschaft und Liebe in diesen kalten Tagen. Und zu Dummheit auf der einen und Kaltblütigkeit auf der anderen Seite. Oder zu Hilfsbereitschaft und Hilflosigkeit? Doch was zermartern die Gedanken meinen Kopf, letztendlich wurde einem Menschen geholfen. Nur das zählt. In diesem Sinne ein nachdenkliches Weihnachtsfest,

eure altes Mädchen Daggie