Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 97

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Sängerin Brigitte Ahrens fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Brigitte Ahrens

 

Die blonde Schlagerfee aus Chemnitz

 Angefangen hatte alles mit (meist unfreiwilligen) Auftritten im Familien- und Freundeskreis in ihrer Geburts- und Heimatstadt Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Die kleine Brigitte sang zur Freude der Erwachsenen Volkslieder oder auch mal Schlager der 50-er. Später hatte sie kleine Auftritte in Kinderheimen, Krankenhäusern oder Klubs. Mit zehn wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein Akkordeon. „Irgendwo hatte ich so was mal gesehen und fand das toll“, erinnert sich die heute 67-Jährige. Sie nahm Akkordeonunterricht, lernte Noten und war mit großer Begeisterung dabei. Oft ging es zu Auftritten mit dem Motorroller ihres Vaters. „Da saß ich auf dem Rücksitz, ein schweres Akkordeon auf dem kleinen Rücken.“ Das Honorar: ein paar Groschen für die Sparbüchse oder Schokolade.

Brigitte sang im Schulchor und lernte nach Beendigung der Schule erst einmal den Beruf einer Industriekauffrau. Sie nahm privat Gesangsunterricht und wurde Mitglied im Schlagerchor des Jugendklubhauses „Fritz Heckert“. Dort wurde sie von „Talentevater“ Heinz Quermann entdeckt, der sie in seine TV-Sendung „Herzklopfen kostenlos“ holte. Ein gutes Sprungbrett für die ersten Mikrofonproben und Aufnahmen beim Rundfunk in Berlin. 1967 war das und kaum ein Jahr darauf startete die junge Sängerin mit dem Titel „Heut ist mein Tag“ das erste Mal in einer Schlagerwertungssendung. Geschrieben hatten ihr den Titel die Autoren Wolf Baki (Musik) und Karin Kersten (Text).

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Erste Angebote für Platten-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen folgten. Doch zunächst setzte sich Brigitte auf die „Schulbank“, erwarb nach zwei Jahren beim „Studio für Unterhaltungskunst“ ihren Berufsausweis als Sängerin. Dort hatte sie auch Klavierunterricht, spielte zeitweise in einer Band auch Saxophon. Schon bald war die schlanke blonde Sängerin aus den Unterhaltungssendungen von Funk und Fernsehen nicht mehr wegzudenken – sie trat im „Schlagerstudio“ auf, bei „Da liegt Musike drin“, „Schlager 68 und 69“ mit Ingo Graf, „Einmal im Jahr“, „Schlager einer großen Stadt“, „Wünsch dir was“, dem „Hafenkonzert“, „Mit Lutz und Liebe“ usw. 1971 errang Brigitte beim DDR-Schlagerwettbewerb den 3. Platz mit dem Titel „Wo ist die liebe Sonne“ von Arndt Bause und Dieter Schneider. Ihr Repertoire erweiterte sich stetig. Vielleicht erinnern sich Schlagerfreunde an Lieder wie „Du mit deinen Wanderaugen“, „Wenn dein Herz mir verzeiht“, „Schau nur auf die Sonnenuhr“, „Insel im Fluss“, „Was soll ich mit roten Rosen“ oder „Mal mir einen Regenbogen“. Bekannte Komponisten und Texter schrieben ihr die Schlager auf den Leib – Rudi Werion, Ralf Petersen, Wolfgang Baki, Lothar Kehr, Raimond Erbe, Arndt Bause und andere. Von Karin Kersten, Dieter Schneider und Kurt Demmler kamen die Texte. Bei AMIGA erschienen in den 70-er Jahren eine ganze Reihe von Singles. Zwischen Rostock und Suhl hat hatte die Sängerin bis Ende der 80-er Jahre gut zu tun, Auslandsgastspiele kamen dazu, zuerst in fast allen sozialistischen Staaten, später auch in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg.

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Seit 1988 war sie Musikredakteurin beim Sender Karl-Marx-Stadt, später beim Sachsenradio. Inzwischen war nach den beiden Söhnen (heute 43 und 48) ihre Tochter geboren. „Da wollte ich nicht mehr soviel unterwegs sein.“ Nach der Wende und kurzzeitiger Arbeitslosigkeit startete die temperamentvolle Künstlerin noch einmal neu durch. Sie belegte Kurse für Kommunikation und machte sich noch mit 50 selbständig im Promotion-Bereich. Sogar eine neue CD entstand in dieser Zeit („Ich geh auf die Fünfzig ... na und?“) Unter anderem vermittelte Brigitte nun auch Künstler. „Dabei traf ich eine Band von früher wieder, die Serena Combo“, sagt sie. Mehr aus Spaß sang sie einige Titel mit und die Band bat Brigitte zu bleiben. Seitdem ist die Chemnitzerin mit Band oder als Solistin wieder häufiger auf den Bühnen des Landes zu sehen, bei Stadtfesten, Seniorenveranstaltungen oder anderen Gelegenheiten wie gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit. Ihr Repertoire umfasst neben deutschen und internationalen Schlagern auch Pop, Oldies und Country. Auftritte im Fernsehen wie bei „Unter uns“, „Alles Gute“ oder beim Sender Vox machten Veranstalter wieder auf die Sängerin aufmerksam. Die juckt es, wie sie sagt, in den Fingern, wieder einmal Akkordeon zu spielen. „Ich werde mir wohl doch noch eins kaufen, das alte ist hinüber“, erzählt die inzwischen siebenfache Oma (vier Enkel schenkten ihr die beiden Söhne, drei kamen dazu aus der ersten Ehe ihres Mannes). Mit dem, einem ehemaligen Fußballer von Wismut Aue, ist sie nun auch schon 30 Jahre glücklich verheiratet (Am 4. Dezember wurde der runde Hochzeitstag gefeiert.).
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Abb.: Brigitte Ahrens in den 60-
und 70-er Jahren sowie heute.
Fotos: Nachtmann, Weisflog

Langeweile gibt es im Hause Ahrens/Smolibowski also nie. „Da sind die Enkel, mit denen ich gern unterwegs bin. Ich backe, koche, lese gern, nähe und stricke, gehe oft schwimmen und wandern.“ Dass sie auch mit großem Spaß kleine Geschichten und Gedichte schreibt, erfahre ich so nebenbei. „Ich bin dabei, viele Episoden und Erlebnisse aus meinem Leben aufzuschreiben.“ Im Februar können wir Brigitte Ahrens auch wieder in unserem Bezirk begrüßen – zur Arndt-Bause-Gala im Freizeitforum.

Ingeborg Dittmann