Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 109

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Orchesterleiter Walter Eichenberg fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Walter Eichenberg

 

Der Big-Band-König von Leipzig


Wohl jeder, der in der DDR aufgewachsen ist und ab und an im DDR-Fernsehen Unterhaltungssendungen wie „Da lacht der Bär“, „Mit Lutz und Liebe“, „Amiga-Cocktail“, „Ein Kessel Buntes“ oder „Da liegt Musike drin“ (100 Sendungen) sah, wird ihn kennen. Zumindest als Chefdirigent des Rundfunk-Tanzorchesters Leipzig, das der gebürtige Thüringer vom 1. Januar 1961 bis 1989 leitete und dem er bis 1991 weiter als 2. Dirigent angehörte. Andere kennen ihn als Ehemann der Schlagersängerin Helga Brauer. Walter Eichenberg war und ist ein Vollblutmusiker – Komponist, ein gefragter Arrangeur, Orchesterleiter, Dirigent, Trompeter. Am 20. Dezember wird der Leipziger 91 Jahre alt.

Geboren wurde er 1922 in Großburschla bei Eisenach in einer Musik interessierten Familie. Seine Eltern betrieben eine Landwirtschaft. Schon als Kind wurde er von einem Onkel im Geigenspiel unterrichtet, der die Eltern überzeugte, den 14-Jährigen 1937 ins Internat der Städtischen Orchesterschule nach Zschopau (Sachsen) zu schicken.

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Dort wurde er als Trompeter ausgebildet und lernte auch den fast gleichaltrigen Fips Fleischer kennen. Beide entdeckten schon bald ihre Liebe zum Swing und zum Jazz. 1941 wurde der 18-Jährige zum Wehrdienst einberufen, später mehrfach schwer verwundet. Nach 1945 begann er seine musikalische Karriere in einer kleinen Swing-Formation, kam dann zum Chemnitzer Orchester Karl Walter – seine erste „Big Band“.

Seit 1947 musizierte Eichenberg im neu gegründeten Tanzorchester des Senders Leipzig unter Leitung von Kurt Henkels, ein Orchester, das auch im Westen schnell populär wurde. Nachdem Henkels im August 1959 nach Westdeutschland übergesiedelt war, übernahm Walter Eichenberg im Januar 1961 die Leitung des nunmehrigen „Rundfunk-Tanzorchesters Leipzig“ (RTO), in dem er sich in der Vergangenheit nicht nur als Instrumentalist, sondern auch als Arrangeur und Komponist profiliert hatte. Dem Orchester blieb er bis 1991 treu. Mit ihm tourte er durch zwölf europäische Länder, bestritt Hunderte Fernseh- und Bühnenauftritte, nahm im Rundfunk und bei der Platte rund 5000 Titel auf. Eigene Lieder schrieb er für den ersten DEFA-Musikfilm „Musik, Musik, Musik“ (1954) und für das Musical des DDR-Fernsehens „Vorsicht Kurven“ (1970).

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Der bekennende Swing- und Jazzfan liebte den Big-Band-Sound, doch aus seiner Feder stammen auch rund 200 erfolgreiche Tanzmelodien und Schlager, die er für Sonja Siewert, Werner Hass, Rec Demond, Fred Frohberg („Einsam liegt mein Schiff im Hafen“, „Steuermann, halte Kurs“), Christian Schafrik, Ina Martell, Günter Geißler, Pavel Novak, Erhard Juza („Schön wird das Leben mit dir“), Monika Hauff und viele andere Schlagersänger schrieb. Vor allem aber für die Leipzigerin Helga Brauer, mit der er seit 1960 verheiratet war (gemeinsamer Sohn Peter). Zu den bekanntesten Schlagern zählen „Einer ist für den Andern da“, „Das Tagebuch vom schönen Max“, „Gelegenheit macht Diebe“, „Hör mein Herz“, „Links ein Mann, rechts ein Mann“ und „Mit dem strahlendsten Lächeln der Welt“.

Nach dem Tod seiner Frau Helga Brauer, die am 15. Juni 1991 nach schwerer Krankheit mit gerade mal 55 Jahren starb, zog sich Eichenberg von der Bühne, nicht aber von der Musik zurück. Hausmusik war angesagt und nun war Zeit, sich in Ruhe all die Stükke der vergangenen Jahrzehnte anzuhören. Mehr als 5 000 Titel waren unter seiner Leitung bei Funk, Fernsehen und Platte produziert worden. Noch immer verfolgt er das aktuelle Musikgeschehen mit Interesse, auch wenn Augen und Ohren zunehmend Probleme machen. Heute lebt er zurückgezogen in seinem Haus in Leipzig. Auch mit 90 Jahren gestaltet er seinen Alltag selbst bestimmt. Ein schwerer Schicksalsschlag war für den 90-Jährigen der Tod seines ältesten Sohnes Thomas im vergangenen Jahr. Der gemeinsame Sohn mit Helga Brauer, Peter Eichenberg, ist Journalist und Geschäftsführer der Aelstertal Musik Hamburg- Leipzig.

Ingeborg Dittmann

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Abb.: Das Rundfunktanzorchester Leipzig unter Leitung von Walter Eichenberg 1963, 2003 erschien die Scheibe „Grand mit Vieren“ bei Aelstertal Musik, Walter Eichenberg 2012.

Fotos: Archiv, PicturePoint