Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 121

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Schlagersänger Günter Geißler fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Günter Geißler

 

Die gute Laune im Gepäck


 In dieser Ausgabe unserer „Musiklegenden des Ostens“ wollen wir an einen Sänger und Komponisten erinnern, der besonders in den 1950-er und 60- er Jahren die Schlagergeschichte der DDR mitgeschrieben hat. Günter Geißler wäre am 19. Dezember 85 Jahre alt geworden. Der 1929 in Cottbus geborene Künstler starb am 16. Juli 2006 mit 76 Jahren.

Als junger Mann war er ein großer Fan von Caruso, hörte sich stundenlang Platten von seinem Idol an und studierte dessen Stimme. Das gab den Ausschlag, dass sich der ehemalige Kaufmannslehrling auch beruflich der Musik zuwandte. Er begann 1950 ein Studium am Staatlichen Konservatorium Cottbus, das er in Halle an der Saale fortsetzte. 1956 schloss er sein Gesangsstudium ab. Am Landestheater Halle erhielt er sein erstes Engagement als „Erster Chortenor“. Ein Zufall führte ihn in das „Studio Halle“, wo man an seinem „lyrischen Tenor“ Gefallen fand. Bald folgten erste Aufnahmen im Leipziger Funkhaus. Anfang 1957 hatte er mit großem Erfolg an einem Nachwuchs- Wettbewerb des DDRFernsehens teilgenommen, wurde zu einer Mikrofonprobe beim Rundfunktanzorchester Leipzig eingeladen und ging bald darauf mit dem Orchester auf Tournee.

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Die Plattenfirma AMIGA wurde auf den jungen Sänger aufmerksam und produzierte seinen ersten Titel „Es gibt ein Mädchen“. Seinen ersten großen Hit landete er 1959 mit „Gitarren klingen leise durch die Nacht“. Dieser Schlager wurde auch in der BRD ein großer Erfolg und sogar Titelsong eines Kino-Films, gesungen von dem Griechen Jimmy Makulis, der das Lied neu aufnahm, nachdem sich der Komponist des Titels, Horst Reipsch, von Leipzig nach München abgesetzt hatte. Geißlers Aufnahme verschwand daraufhin in den „Giftschränken“ des DDR-Rundfunks. Was seiner Karriere keinen Abbruch tat, denn mit Schlagern wie „Marina“, „Rote Lippen soll man küssen“, „Die Primaballerina meiner Träume“, „Ein verliebter Gondoliere“, „Was willst du denn in Rio“, Verliebte wollen träumen“, „Lauter schöne Worte“ oder „Tausend Träume werden wahr“ stieg Geißler in die erste Reihe der DDR-Schlagersänger auf. geissler2.jpg
Seine eingängigen Schlager hatten „Ohrwurmqualität“, selbst wer sie jahrelang nicht gehört hat, kann die Melodien noch heute nachsummen. Kein Wunder, dass viele seiner Titel von Interpreten aus dem Westen gecovert wurden. Dazu zählt vor allem der wohl größte Hit des Sängers „Das schönste Mädchen der Welt“ von 1966, für den er auch als Komponist und Texter zeichnete. Inspi riert dazu hatte ihn seine Frau Rosemarie, die er schon beim Studium kennen gelernt hatte. Der Song wurde ein internationaler Erfolg und von Peter Orloff gecovert. 1965 erschien bei AMIGA eine Porträt-LP – „Günter Geißler – Ich hab die gute Laune im Gepäck“. Und die hatte der Cottbusser auch im wahren Leben. Viele Kollegen, mit denen er gemeinsam auf Tournee war, bestätigen: Günter war ein fröhlicher Typ und immer gut gelaunt.
In den 70-er und 80-er Jahren war der Sänger häufiger Gast großer Rundfunk- und Fernseh-Sendungen wie „AMIGA-Cocktail“, „Da liegt Musike drin“ oder „Ein Kessel Buntes“. Über KGD und Künstleragentur wurde er für zahlreiche Tourneen engagiert. So tourte er u.a. mit Julia Axen, Fred Frohberg und Helga Brauer sechs Jahre lang mit „Evergreens non Stop“ zwischen Rostock und Suhl. Letztmalig stand er am 9. November 1989 mit Julia Axen in Jena auf der Bühne. Danach zog er sich aus dem Showgeschäft zurück. Mit seiner Frau Rosl lebte der Sänger und Komponist seit 1965 in ihrem Eigenheim im Cottbusser Stadtteil Branitz. Nach der Wende trat der Sänger nicht mehr öffentlich auf, schrieb aber noch Songs für Kollegen wie Julia Axen. Inspiriert von seinem neuen Hobby Western- Reiten wandte er sich der Country- und Western-Musik zu. 1996 kaufte sich das kinderlose Ehepaar ein eigenes Pferd – genannt „Two Two“. Fast täglich zog es ihn seither zum Reiterhof. Doch zunehmend plagten den Sänger große Schmerzen, er sollte an der Hüfte operiert werden, litt an Tinnitus, sein geliebter Bruder starb. All das war wohl zuviel für den 76-Jährigen. Während eines Kurzurlaubs von der Klinik nahm er sich das Leben. Er wollte als Pflegefall keinem zur Last fallen.
Ingeborg Dittmann
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Abb.: Fröhlich wie meist – Günter Geißler 1963 und 1985 im Hallenser Steintor-Varieté mit Julia Axen; seine LP ist noch heute zuweilen bei ebay erhältlich.

Fotos: Archiv