gelbke1.jpg Hoffen auf einen friedlichen Frühling
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ängstigt, wie schnell das Wort KRIEG wieder die Schlagzeilen beherrscht

Ich bin sehr traurig. Mein Karl, der alte Gentleman-Kater (14), hat mich verlassen. Am Sonnabendmorgen war er zwar etwas wacklig auf den Beinen, aber er hat geschnurrt, geschmust und gefressen. Abends war er sehr wacklig, als er mir bei meiner Rückkehr aus Frankfurt entgegen tappelte, aber er wollte nachts unbedingt noch einmal frische Luft schnappen. Und früh lag er ganz apathisch da und ich wusste, er stirbt. Ich hatte an diesem Morgen schon um 11 Uhr eine Veranstaltung und konnte nicht bei ihm bleiben. So ist meine Freundin Rosi mit ihm zum Arzt gefahren. Aber auf dem Weg dorthin ist er gestorben. Wir haben ihn an der Gedenkstätte für Oma im Garten vergraben – es war der letzte schöne, warme Herbsttag 2015. Wahrscheinlich wusste Karl, die Zeiten ändern sich. Besser, nicht mehr dabei zu sein.

Wie heißt der Leitspruch im „Spiel der Throne“ für die gute Dynastie? „Der Winter kommt“. Dort, in diesem Endlos- Science-Fiction-Schmöker von George R.R. Martin – ich bin bei Band 8 (jeweils ca. 600 Seiten) – wird im Prinzip das Mittelalter unserer Kultur aufgearbeitet, und immer und immer geht es um Krieg. Macht. Ehre. Rache. Wer hätte noch vor einem Jahr zur Weihnachtszeit gedacht, dass nur 12 Monate später der Krieg auch in unserer Realität angekommen sein wird? Manchmal denke ich, es gibt sie wirklich, die Kreise, die das sensationsheischend begrüßen – jedenfalls erinnerte mich die Titelseite der „Bild“ nach dem Pariser Blutfreitag mit dem einzigen Wort – KRIEG – an die euphorischen Aufmacher am Beginn des 1. Weltkrieges.

Als die Attentate in Paris geschehen waren, rief mich meine völlig in Tränen aufgelöste Tochter an und sagte, wir müssten nun endlich einen Ort suchen, wohin wir fliehen können. Ja, sie hat Recht – denn hier wird es mit dem Frieden endgültig vorbei sein, wenn die ersten Tornados ihre Kampfziele in Syrien erreicht haben. Und das ist gleich jetzt. Es wird kein friedliches Weihnachten sein in diesem Jahr. Ich bin sehr traurig. Ich war immer dankbar, dass ich in Frieden leben konnte. Dafür konnte ich mich sogar mit der so genannten eingeschränkten Freiheit im Osten, auf der zurzeit in vielen Medien permanenter als bisher herumgehackt wird, irgendwie einrichten. Wahrscheinlich bin ich eine Opportunistin. Für den Frieden würde ich auch meine Gesinnung verraten, glaube ich.

Das glaube ich natürlich nur, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir in einer Umbruchphase leben wie neulich, vor 25 Jahren – als die Berliner Mauer durch ein Missverständnis geöffnet wurde und das Gleichgewicht in der Welt aus den Angeln geriet. Irgendwie scheint mir, hat unsere Merkel Schabowskis Erbe angetreten mit ihrer Das-schaffen-wir- Illusion. Dass die Flüchtlinge nicht der Auslöser für den Untergang Europas sind, ist klar. Aber sie sind ein Teil von jener Kraft, denn sie bringen ihren Krieg – die Konflikte der eigenen Religion – hierher. Muss ich als moderner Mensch für Religionskriege wirklich meine Tür öffnen?

Ich habe auch meine ernsthaften Probleme mit Situationen, in denen ein syrischer Arzt, dem Frau und Kind bei der Flucht ertrunken sind, bei uns um Hilfe bittet. Haben Ärzte nicht überall auf der Welt den Hippokratischen Eid zu leisten? Wieso ist er hier und nicht bei den Kranken und Verletzten in seiner Heimat? Wieso müssen sich die Ärzte ohne Grenzen dort bombardieren lassen? Und ich kann nur hoffen, dass sich alle Muslime, die nun hier von so vielen Freiwilligen betreut und von unseren erarbeiteten Steuern unterstützt werden, sich irgendwann erinnern werden, dass es Christen waren, die ihnen eine Friedenschance boten. Doch diese Hoffnung scheint mir vage zu sein angesichts der vielen geisteskranken, vom Opium der Religion vernebelten IS-Kämpfer, von denen auch viele hier, bei uns, in Frieden und Sicherheit aufgewachsen sind.

 Wenn ich höre „Wir müssen ihnen eine Perspektive geben“, werde ich böse. Jeder kann in Europa lernen, lernen, lernen und dann etwas ändern. Ja, daran glaube ich. Nicht jeder wird dadurch Millionär werden, aber er kann in Frieden das tun, was der Sinn des Lebens ist: Leben.

Leider geben aber viele von uns selbst kein gutes Beispiel. Was habe ich neulich über Drogenabhängigkeit, Kindesmisshandlung und Aggressivität in der Mitte unserer Gesellschaft nicht alles gelesen. Auch dort werden die kulturellen Werte unseres Abendlandes längst nicht mehr geschätzt und geschützt – das fängt beim Respekt im Alltag an. Und ich weiß manchmal nicht, vor wem ich mehr Angst haben muss, wenn ich durch mein einsames Wohngebiet laufe: Vor zufällig vorbei kommenden Asylanten oder einem Hundebesitzer. Neulich sprach ich einen gut gekleideten, älteren Mann an, der seinen Hund genau vor die Tür meines Nachbarn einen großen Haufen kacken ließ. Ich, ganz nett: Entschuldigung, machen Sie das auch wieder weg, damit man nicht rein tritt? Kommt der wie ein Bulle auf mich zu: Was ist? Was ist los? Dann kommt er mit dem Gesicht bis an meine Nase an mich heran. Höchste Aggressivitätsgeste. Es hätte gefehlt, er lässt den Hund auf mich los. Da ich ja in solchen Situationen nicht panisch reagiere, wich er auf meine Frage: „Bedrohen Sie mich gerade?“ zurück. „Ist doch nicht vor Ihrer Tür ...“

Nichts ist mehr, wie es war. Ich wünsche uns, dass wir gesund über die Feiertage kommen. Und dann ist ja auch bald wieder Frühling. Hoffentlich keiner wie der arabische damals.

Eure Daggie