Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 133

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Künstler und Philosophen Hans-Eckardt Wenzel  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Hans-Eckardt Wenzel

 

Dichter, Sänger, Weltentdecker

Liedtexter, Komponist, Musiker, Sänger, Schauspieler, Lyriker, Regisseur, Theatermacher, Buchautor, Clown, Philosoph – Wenzel ist ein Allroundkünstler, der sich um Schubladen nicht schert. Inspiriert vom deutschen Volkslied, über Chanson, Rock, Balkan- Folk, lateinamerikanischer Folklore bis zu Eisler und Weill oder die Songs des US-amerikanischen Singer-Songwriters Woody Guthrie mischt er sich seit 40 Jahren kritisch und nachdenklich mit seinen Liedern, Texten und Stükken ins kleine und große Weltgeschehen ein – mal ernst, oft heiter, mal melancholisch, zuweilen kämpferisch – immer aber engagiert, egal, ob es um die so genannten kleinen Dinge des Lebens oder das große Ganze geht. Wie kaum ein anderer vermag er mit Sprache und Tönen zu jonglieren. Er gehört seit vielen Jahren zu den Besten der deutschen Liedermacherszene. Inzwischen genießt der Wortpoet, der schon zu DDR-Zeiten als eine Art „Geheimtipp“ galt, nicht nur Hierzulande Kultstatus. Und so garantieren Wenzel-Konzerte nicht nur damals in der „Da Da eR“, sondern auch 25 Jahre nach der „Wiedervereinigung“ volle Konzertsäle.   wenzel1.jpg
Am 31. Juli wurde der in Kropstädt bei Wittenberg geborene Künstler 60. Schon zu seiner Schulzeit schrieb er Gedichte, damals noch von der FDJ gefördert. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er von 1976 bis 81 an der Berliner Humboldt-Universität Kulturwissenschaften und Ästhetik. Bereits 1976 gründete er gemeinsam mit Steffen Mensching das Liedtheater „Karls Enkel“, dessen erstes Programm „Ziehharmonika“ 1978 Premiere hatte. Es folgten u.a. das Becher- Programm „Deutschland, meine Trauer“ (1980) und die „Hammer- Rehwü“ (1982). Der Clownsabend „Neues aus der Da da eR“ hatte 1982 Premiere, gefolgt von „Altes aus der Da Da eR“ 1988 und „Letztes aus der Da Da eR“ 1990, der am 7. Oktober 1990 auch Filmpremiere erlebte. Bis Ende der 1990-er arbeitete Wenzel eng mit Mensching, der seit 2008 Intendant des Theaters Rudolstadt ist, zusammen.

Als Solist debütierte er 1986 mit der Liebeslieder-LP „Stirb mit mir ein Stück“, mehr als 30 weitere Alben folgten bis zum heutigen Tag (darunter „Reisebilder“, „Lied am Rand – Wenzel singt Theodor Kramer“, „Ticky Tock – Wenzel singt Woody Guthrie“, „Masken – Wenzel singt Christoph Hein“, „Kamille und Mohn“).
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Abb.: Hans-Eckardt Wenzel mit seinem damaligen Bühnenpartner Steffen Mensching und während des Konzerts am 5. November im FFM. Fotos: Senft, Dittmann

Die aktuellsten Alben: „Widersteh, so lang du`s kannst“ (2013, Platz 1 der Liederbestenliste), „Kleine Insel“ (2014, Den Flüchtlingen dieser Welt gewidmet), „Viva la poesia“, Dezember 2014, aufgenommen in Havanna und „Sterne glühn – Wenzel singt Johannes R. Becher“, 2015. Seit Jahren produziert er seine Alben beim eigenen Label „Matrosenblau“. Neben den Platten erscheinen seit Anfang der 1980-er Jahre zahlreiche Gedichtbände, Lieder- und Textbücher seiner Bühnenstücke. Das neueste Werk: „Hinter den Bildern der Welt. Die untergegangene Bundesrepublik in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder“ (Briefwechsel zwischen Antje Vollmer und Wenzel), 2015. In ihren „Gesprächen mit Zeitgenossen“ für das Buch „War das die Wende, die wir wollten?“ (2015, Neues Leben) antwortet Wenzel auf die Frage der Herausgeberin Burga Kalinowski, weshalb er auf die Bühne gehe: „Na, weil es mir Spaß macht. Ich arbeite gern, und ich muss mir auch mit dem, was ich schreibe, immer wieder die Realität klar machen. Ich bin überschüttet von Fehlmeldungen, von Unsinn im Feuilleton, im Fernsehen, ich bin überschüttet von Lügen und falschen Nachrichten, und ich muss mir die Verhältnisse klären… Wenn ich eine gewisse Zeit nicht arbeite, bin ich unerträglich für meine Umwelt. Ich muss das tun, und gleichzeitig ist das natürlich von Anfang an meine Sinnproduktion. Ich habe mir immer meinen eigenen Sinn produzieren müssen.“

2014 war Wenzel mit seiner Band auf Tournee in Kuba und Nicaragua. Einige der Songs von „Viva la poesia“ mit starken Einflüssen lateinamerikanischer Rhythmen begeisterten am 5. November auch die Konzertbesucher im Arndt-Bause-Saal des Freizeitforum Marzahn. In diesem fast dreistündigen Konzert zelebrierten Wenzel und seine exzellenten Musiker alte wie neue Songs mitreißend, voller Energie, Intensität und Humor. Auch sein kleiner Sohn Theo „verstärkte“ zeitweise das Bühnenensemble. Für ihn schrieb er den Song „30 Wünsche“. Dem Publikum versprach er: „Wer 31 hört, kriegt ein Geschenk von mir – Gaucks Rede zur Freiheit.“ Die wollte denn aber keiner haben. Dafür noch ein paar Zugaben von Wenzels Musik und seinen witzigen, hintergründigen Zwischentexten. 

Ingeborg Dittmann